Calls for Transfer, News

Stipendien für Nichtstun: Künstlerische Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit

Die HFBK und das MK&G geben Gewinnerinnen der von „Calls for Transfer“ unterstützten Initiative „Schule der Folgenlosigkeit“ bekannt

Hilistina Banze, Mia Hofner und Kimberley Vehoff haben sich gegen insgesamt 2864 Bewerber:innen aus 70 Ländern für ein „Stipendium für Nichtstun“ durchgesetzt. Das mit jeweils 1.600,- EUR dotierte Stipendium wird im Rahmen der von der HFBK initiierten Initiative „Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben“ vergeben: Allen drei Vorhaben gemein ist das eigene Ausloten von ‚Folgenlosigkeit‘.

Das „Stipendium für Nichtstun“ ist Teil des künstlerisch-wissenschaftlichen Projekts „Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben“ von Professor Friedrich von Borries (HFBK), das in Kooperation mit dem MK&G umgesetzt wird. Die dazugehörige Ausstellung wird – je nach Öffnungslage innerhalb der aktuellen Pandemie – bis zum 18. Juli 2021 im MK&G zu sehen sein.

Ausstellung „Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben“

Die Ausstellung bietet einen experimentellen Raum für diverse Fragestellungen, die thematisch um die Möglichkeiten und Auswirkungen eines „folgenlosen“ Lebens kreisen: Mithilfe von „Found Objects“ und eigens für die Ausstellung angefertigten Artefakten sowie mit Exponaten aus dem Bestand des MK&G lässt sich der anvisierte Nachhaltigkeitsdiskurs zwischen Kunst und Öffentlichkeit spielerisch erproben, wodurch das Spannungsfeld zwischen „Nachhaltigkeit und Folgenlosigkeit“ sinnlich erfahrbar wird. Innerhalb des initiierten „Selbstlernraums“ können Besucher:innen beispielsweise durch einen Selbstversuch Entscheidungen abgeben, ihre Hände in Unschuld waschen oder sich im Nichts-Tun üben. Auf diese Weise entsteht eine hybride Collage von Möglichkeiten und Widersprüchen, wodurch innerhalb des interaktiven Raums eine fragende Suchbewegung der Besuchenden ausgelöst wird – wie lässt sich eine an ökologischer Folgenlosigkeit orientierte Lebensweise verwirklichen?

Selbstlernraum der "Schule der Folgenlosigkeit, Foto: Henning Rogge

Suche nach Formen der „Folgenlosigkeit“:
Unterschiedliche Vorhaben dreier Stipendiatinnen

So prägen Fragen danach, wie wir im ökologischen – aber auch virologischen – Sinne ein möglichst folgenloses Leben führen können, sowohl die Ausstellung als auch die dazugehörige App, die als digitales Begleit- und Diskursprogramm dient. Könnte Folgenlosigkeit ein neues regulatives Ideal werden, das ebenso wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit unerreichbar scheint, aber stets erstrebenswert bleibt?
Welche Auswirkungen hätte ein solches Streben im Zusammenhang mit diesem Ideal auf unser Denken, (ökonomisches) Handeln, auf unseren Glauben sowie auf unser Miteinander? Antworten darauf suchen auch die drei Stipendiatinnen, die nun ein jeweils eigenes Experiment der Folgenlosigkeit wagen.

„Ich werde mein Kopftuch eine Woche nicht tragen“

Die muslimische Feministin, Sozialpädagogin und Integrationsberaterin Hilistina Banze aus Hamburg enthüllt dadurch ihr auf drei Millimeter kurzrasiertes Haar: Auf diese Weise tritt sie mehreren Rollenklischees entgegen und bricht zugleich mit Erwartungen, die insbesondere an Frauen herangetragen werden. Die Radikalität und Vielschichtigkeit ihres Experiments überzeugte die Jury, die nun auf die von Hilistina Banze gesammelten Erfahrungen gespannt ist.

„Ich will für zwei Wochen keine verwertbaren, personenbezogenen Daten über mich generieren“

Mia Hofner, Studentin und Konzepterin aus Köln, schränkt sich damit umfangreich ein: Während ihr Smartphone ausgeschaltet bleibt und sie sich von E-Mails oder Online-Shopping distanziert, gewinnt sie – so die Hoffnung – sowohl Energie als auch unbelastete, soziale Beziehungen zurück. Dieser Verzicht auf Konsum und auf unkontrollierbare Datenspuren trieb mehrere Bewerber:innen um, jedoch formulierte Mia Hofner ihre Bewerbung in einer Klarheit, die die Jury überzeugte: Anschaulich reflektierte sie die Folgen ihres täglichen Handelns und ihr Bewusstsein darüber, dass sie dem digitalen Datenstrom nicht auf Dauer entfliehen kann.

„Ich will meinen Beruf nicht ausüben“

Kimberley Vehoff, Lebensmitteltechnikerin aus Bad Fallingbostel, verfolgt ein Experiment, dass sehr vielen Bewerber:innen vorschwebte: Mit ihrem Vorhaben drückt sie eine grundlegende Unzufriedenheit mit ökologischen Zwängen und Leistungsdruck innerhalb unserer Gesellschaft aus, der sich negativ auf soziale Beziehungen auswirkt. Kimberley Vehoff lebt damit stellvertretend für Viele „folgenlos“, um emotionale Bindungen zu stärken, die durch ihren Schichtdienst und eine 6-Tage-Woche extrem leiden – Aspekte, die die Jury überzeugten.

70 Bewerbungen für ein „folgenloses“ Leben

Insgesamt waren aus 70 eingegangenen Bewerbungen 14 Kandidat:innen nominiert, die sich auf äußerst unterschiedlich Weise mit einem „folgenlosen“ Leben als Selbstexperiment auseinandersetzen. Während beispielsweise ein 9-jähriger Schüler sich aufgrund seines ökologischen Verantwortungsbewusstseins nicht mehr von seiner Mutter zur Schule fahren lassen wollte, plante eine Fernsehreporterin, vier Wochen lang keine negativen Nachrichten mehr zu verbreiten. Daneben fand sich eine Ärztin, die keine suchtfördernden Schmerzmittel mehr verschreiben wollt (so lange die Erkrankung dies zu ließe) oder auch ein Mann, der zehn Tage das Reden aufgeben wollte, um anderen aufmerksamer zuhören zu können.

Bei ihrer Prämierung versuchten die Jurymitglieder (MK&G-Direktorin Tulga Beyerle, Philosoph Armen Avanessian und Juristin Eva-Dorothee Leinemann) die inhaltliche Bandbreite der Bewerber:innen zu berücksichtigen und damit der jeweils eigenen Subjektivität Raum zu lassen.

Die künstlerisch-diskursive Auseinandersetzung mit „Folgenlosigkeit“ bedeutet Wissenstransfer in die Gesellschaft

„Folgenlosigkeit“ kann uns damit in vielen Facetten begegnen, die von „Nichtstun“ geprägt sind und dennoch folgenreiche Konsequenzen nach sich ziehen: Folgenlosigkeit kann Rollenbilder demontieren, soziale Bindungen stärken, den Menschen aus gesellschaftlichen Zwängen entlassen oder eben auch unsere Umwelt entlasten. Damit weist sie politische, technische, ökonomische und ästhetische Dimensionen auf, wodurch sie stets durch eine Ambivalenz von Widersprüchlichkeit geprägt ist und ein stetiges Ausloten erfordert.

Das von Professor Friedrich von Borries initiierte Projekt „Schule der Folgenlosigkeit. Übungen für ein anderes Leben“ agiert damit auch im Zeichen des Wissenstransfers: Durch seine „Schule der Folgenlosigkeit“ erprobt Friedrich von Borries „Best Practice“-Beispiele für eine künstlerisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit, die einen möglichen Beitrag zu zukünftigen Formen eines lebenslangen Lernens sein kann, indem nachhaltiges Handeln durch Kunst inspiriert, reflektiert und gleichermaßen erprobt werden kann.

Unterstützung durch „Calls for Transfer“ (C4T)

Um diesen Diskurs zwischen Kunst und Öffentlichkeit zu ermöglichen, unterstützten wir durch das von uns koordinierte Förderprogramm „Calls for Transfer“ im vergangenen Jahr die Organisation und die Ausstellungsarchitektur, die im Rahmen der Ausstellungszeit einen nachhaltigen Selbstlernraum innerhalb der Aula des MK&G etabliert. Auf diese Weise soll die Rolle der Kunst als vierte Säule – neben der ökologischen, ökonomischen und sozialen Säule – der Nachhaltigkeit innerhalb der Gesellschaft sowohl wahrgenommen als auch mobilisiert werden.

Übrigens: Der fünfte Call des Förderprogramms „Calls for Transfer“ (C4T) ist bis zum 30.04.2021 geöffnet. Mehr hierzu findet sich beispielsweise hier: Neues ermöglichen: Start der fünften Bewerbungsphase des Förderprogramms „Calls for Transfer“

Kooperation & Förderung

Die „Schule der Folgenlosigkeit“ wird gefördert durch die Behörde für
Wissenschaft, Forschung, Gleichstellung und Bezirke der Freien und
Hansestadt Hamburg (BWFGB), die Hamburg Open Online University
(HOOU), die Friede Springer Stiftung, die Kursbuch Kulturstiftung sowie die
Leinemann Kunststiftung Nikolassee und unterstützt von uns, der Hamburg
Innovation GmbH. Weitere Partnerinnen sind die Katholische Akademie
Hamburg sowie die Evangelische Akademie der Nordkirche.

Das „Stipendium für Nichtstun“ wurde durch die Leinemann-Stiftung Nikolassee finanziert.

 

Mehr zu „Calls for Transfer“

Weitere Informationen auf: PROJEKTSEITE C4T

Ansprechpartnerin Calls for Transfer

Mareike Post
Fördermaßnahme „Calls for Transfer“
Hamburg Innovation GmbH
Telefon: +49 40 76629-3153
E-Mail: post@hamburginnovation.de

Bildernachweis

Ausstellungsansicht 2, Selbstlernraum Schule der Folgenlosigkeit, Foto: Henning Rogge
Ausstellungsansicht 6, Selbstlernraum Schule der Folgenlosigkeit, Foto: Henning Rogge

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